Smaro Gregoriadou plays Benjamin Dwyer
Twelve Études for Guitar
Aldilà Records ARCD 030
1 CD • 43min • 2025
29.10.2026
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Klassik Heute
Empfehlung
Der Ire Benjamin Dwyer, Jahrgang 1965, ist ein Musiker von dezidiert universellem Typus: Gitarrist, Komponist (von Musik insbesondere, aber längst nicht nur für sein eigenes Instrument), Musikwissenschaftler, Pädagoge, auch im Bereich der freien Improvisation aktiv, schöpft er aus einer Vielzahl von Quellen, Einflüssen und musikalischen Horizonten, im Spannungsfeld zwischen musikalischer Tradition und ihrer Erweiterung. Auf der vorliegenden Neuveröffentlichung des Münchner Labels Aldilà Records hat sich die griechische Gitarristin Smaro Gregoriadou seiner Zwölf Etüden für Gitarre angenommen.
Ein Schlüsselwerk von großem Anspruch
Hinter diesem auf den ersten Blick vielleicht unspektakulär anmutenden Titel verbirgt sich ein veritables Schlüsselwerk im Schaffen Dwyers, das in vielerlei Hinsicht von großen Ansprüchen geprägt ist – einen ersten Hinweis darauf liefert bereits, dass das vermeintliche Entstehungsjahr 2008 nur den Endpunkt eines Schaffensprozesses markiert, der sich realiter über zehn Jahre erstreckte. Dwyers Referenzpunkt ist nicht die klassische Etüde als technische Studie, sondern die Konzertetüde als ein Genre, zu dessen Genese allein Dwyer in seinem umfänglichen, wie üblich bei Aldilà Records wahrhaft profund informierenden Begleittext eine einordnende, abstufende, durchaus aus problematisierende Übersicht vom spanischen Tiento aus dem 16. Jahrhundert über die Zeit der Romantik (selbstredend insbesondere verbunden mit dem Namen Liszt) bis hin ins 20. Jahrhundert und die Gegenwart liefert, inklusive Namen wie Alkan oder Sorabji. Dabei benennt Dwyer insbesondere die Zyklen von Heitor Villa-Lobos (als erklärt einziger Repräsentant des Instruments Gitarre) sowie Debussy und Ligeti als seine Vorbilder.
Der Geist des Komponisten und die Hand des Interpreten
Was Dwyer also vorschwebt, ist ein Zyklus von Etüden für Gitarre, der an diese Leitbilder anknüpft, der sich zwischen dem „Geist des Komponisten und der Hand des Interpreten“ bewegt und überdies den (auch pädagogisch zu verstehenden) Anspruch besitzt, den Status Quo des Gitarrenspiels in all seiner (technischen) Vielfalt gerade der vergangenen Dekaden zu repräsentieren. Ebenso wichtig ist ihm dabei die ästhetische Qualität der Musik, ihre Genese aus einem Moment der Inspiration aus welcher Quelle auch immer heraus, nicht zuletzt in Form von teilweise durchaus sprechenden Titeln. Der Begriff Zyklus ist im Wortsinne zu verstehen, also in Form einer prinzipiell als Einheit zu verstehende Etüdenfolge (unterteilt in vier Dreiergruppen gewissermaßen als Subzyklen), die in der Totalen eine Steigerung an Intensität, Komplexität und technischem Feuerwerk beschreibt und deren letzte Etüde das Vorherige (unter anderem) noch einmal subsumiert. Über alle Etüden hinweg verwendet Dwyer zwei ganz basale Motive (eine Quinte und eine chromatische Linie) als mannigfaltig abgewandeltes, Einheit stiftendes Grundmaterial.
Unmittelbar erlebbare Intensität des Ausdrucks
Eine Reihe von Stücken ist als Referenzen an ausgewählte Werke des Gitarrenrepertoires angelegt (Brittens Nocturnal after John Dowland, Buckleys Gitarrensonate Nr. 1, Villa-Lobos’ Etüde Nr. 12 oder Berios Sequenza XI), wobei Dwyer es gelingt, all diese Einflüsse zu einem einheitlichen, durch seinen eigenen Fingerabdruck geprägten Ganzen zu amalgamieren. Dies gilt auch etwa im Falle der ersten Etüde, in deren Arpeggien (auf E, wie vieles in diesem Zyklus) man so wie es Gregoriadou in ihrem eigenen Kommentar tut durchaus Parallelen zu Bach finden kann. Bei alledem, und letztlich ist dies ausschlaggebend dafür, dass Dwyers Etüden in der Tat einen wahrhaft bemerkenswerten Repertoirebeitrag darstellen, zeichnet sich der Zyklus durch eine ganz unmittelbar erlebbare Intensität des Ausdrucks, Memorabilität und Suggestivkraft aus. Man höre etwa als Kostprobe die Etüden Nr. 6 (African Print) oder Nr. 10 (Why Not Mr. Buckley?), die eine immense Sogkraft, einen elektrisierenden Vorwärtsdrang entwickeln. Poetische Momente entfalten speziell die langsameren Stücke (die mittleren Stücke der drei ersten Gruppen bzw. Bücher), wobei auch hier ein gewisser grundsätzlich dramatischer Impetus, der Dwyers Musik zu eigen ist, kaum einmal völlig fern ist.
Die kommunikative Kraft von Gregoriadous Spiel
Dass all dies so überzeugend und mit großer kommunikativer Kraft zur Geltung kommt, liegt schließlich zu einem guten Teil auch an den hervorragenden, intensiv durchlebten, farben- und facettenreichen Interpretationen von Smaro Gregoriadou (übrigens auf zwei Kertsopoulos-Pedalgitarren). Eine echte Bereicherung nicht nur für Freunde der Gitarrenmusik.
Holger Sambale [29.10.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Benjamin Dwyer | ||
| 1 | Relentless (aus: Twelve Études for Guitar, Book I, dedicated to John Buckley) | 00:02:57 |
| 2 | After Britten (aus: Twelve Études for Guitar, Book I, dedicated to John Buckley) | 00:03:21 |
| 3 | Très animé (aus: Twelve Études for Guitar, Book I, dedicated to John Buckley) | 00:01:24 |
| 4 | Red (aus: Twelve Études for Guitar, Book II, dedicated to Marion Hyland) | 00:03:26 |
| 5 | After Lorca (aus: Twelve Études for Guitar, Book II, dedicated to Marion Hyland) | 00:04:18 |
| 6 | African Print (aus: Twelve Études for Guitar, Book II, dedicated to Marion Hyland) | 00:03:51 |
| 7 | Puctus contra punctum (aus: Twelve Études for Guitar, Book III, dedicated to Timothy Walker) | 00:04:02 |
| 8 | Penticus (aus: Twelve Études for Guitar, Book III, dedicated to Timothy Walker) | 00:04:16 |
| 9 | Goblin (aus: Twelve Études for Guitar, Book III, dedicated to Timothy Walker) | 00:02:13 |
| 10 | Why Not Mr. Buckley? (aus: Twelve Études for Guitar, Book IV, dedicated to Fabio Zanon) | 00:03:43 |
| 11 | Allegro energico (aus: Twelve Études for Guitar, Book IV, dedicated to Fabio Zanon) | 00:04:00 |
| 12 | Improvimemoriam Berio (aus: Twelve Études for Guitar, Book IV, dedicated to Fabio Zanon) | 00:05:14 |
Interpreten der Einspielung
- Smaro Gregoriadou (Gitarre)
