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Besprechung CD

Another Dawn

Tassilo Probst • Daniel Geiss • Thessaloniki State Symphony Orchestra

Berlin Classics 0304466BC

1 CD • 67min • [P] 2026

06.03.2026

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Mit der vorliegenden CD legt der junge Münchner Geiger Tassilo Probst, Jg. 2002, sein zweites eigenes Album vor. Nach einer Doppel-CD mit Sonaten stehen diesmal Konzerte im Fokus, aber einige Brücken gibt es dennoch: der Schwerpunkt auf der Musik des 20. Jahrhundert, der Einsatz auch für selten oder sogar fast überhaupt nicht gespieltes Repertoire, und insbesondere die Musik Joseph Achrons, von dem Probst nach der Violinsonate Nr. 2 nun das Violinkonzert Nr. 3 vorstellt, gemeinsam mit Erich Wolfgang Korngolds berühmtem Violinkonzert und einem Werk des griechischen Komponisten Christos Samaras. Begleitet wird Probst vom Staatlichen Sinfonieorchester Thessaloniki unter der Leitung von Daniel Geiss.

Mehr Caruso als Paganini

Der Titel des Albums Another Dawn besitzt im Kontext dieser CD mehrere Bedeutungsebenen, deren direkteste Bezug auf das Violinkonzert D-Dur op. 35 (1937–45) von Erich Wolfgang Korngold (1897–1957), nimmt. Korngold, zur Zeit der Komposition bereits im US-amerikanischen Exil als Komponist von Filmmusik tätig, verwendete in diesem Werk Material aus einigen seiner Filmmusiken, darunter eben Another Dawn beim Hauptthema des 1. Satzes. Probst versteht das Konzert in erster Linie lyrisch, im Sinne des von Korngold selbst beschworenen „Carusos“; eine Interpretation, die vor allem die poetischen, kantablen Seiten des Werks in den Fokus stellt, einhergehend mit eher verhaltenen Tempi. Probst realisiert dabei etliche Details nicht zuletzt der Artikulation sehr sorgfältig und mit feinem, differenzierten Ton; das Orchester aus Thessaloniki begleitet ihn solide und kultiviert, stellenweise (so etwa im Finale) wäre allerdings im Orchesterpart ein etwas akzentuierterer, agilerer Zugriff möglich.

Eine zeitgenössische jüdische Musik

Korngolds Konzert und das Violinkonzert Nr. 3 op. 72 (1937) von Joseph Achron (1886–1943) zu koppeln, erscheint nicht nur deshalb stimmig, da beide zur selben Zeit als jüdische Emigranten in den USA tätig waren, sogar jeweils in Hollywood; verbunden sind beide Werke auch über den legendären Jascha Heifetz, der Korngolds Violinkonzert uraufführte und das dritte von Achron in Auftrag gab. Achron, selbst Geiger, verlagerte des Schwerpunkt seiner Interessen im Laufe seines Lebens mehr und mehr darauf, eine zeitgenössische jüdische Musik zu schaffen, die u.a. auf sogenannten jüdischen „Tropen“ fußt, vgl. dazu Jascha Nemtsovs wie üblich sehr fundierten und informativen Begleittext. Diese stilistischen Koordinaten sind in seinem Violinkonzert Nr. 3 klar nachvollziehbar. Ungeachtet des brüsken, markanten Beginns mutet der 1. Satz insgesamt eher rhapsodisch-schweifend an, mit weit geschwungenen, kantablen Violinsoli und einem Orchesterpart, der wesentlich auf kurzen, manchmal ostinat anmutenden Motiven aufbaut, geprägt durch irreguläre, bisweilen (nach der Kadenz) fast tänzerische Rhythmik und eine freie, modal geprägte, geschärfte (Poly-)Tonalität. Interessant auch der offen wirkende Schluss (gewissermaßen auf der Dominante A bei einem Zentralton D über weite Passagen des 1. Satzes).

Hohe Suggestivkraft mit herber Note

Der 2. Satz, Cantabile überschrieben, demonstriert schon zu Beginn die Suggestivkraft von Achrons Tonkunst, wenn die Musik zu Beginn gleichsam aus dunkler Tiefe entsteht und allmählich in hohe Lagen und eine eine magische, entrückte Welt entschwebt. Auch das Giocoso des 3. Satzes kommt nicht ohne Unter- und Zwischentöne aus: ein kapriziöses Feuerwerk in der Violine wird durchaus herb grundiert, gegen Ende auch mit grotesken Einsprengseln. Heifetz wollte das Werk zwar letztlich nicht aufführen, aber ist es dennoch erstaunlich, dass es bis ins Jahre 2026 gedauert hat, bis es erstmals auf Tonträger erscheinen ist. Man kann Probst und seinen Mitstreitern nur dazu gratulieren, denn selbst, wenn das Konzert vielleicht (speziell im Vergleich zu Korngolds Klassiker) nicht unmittelbar eingängig ist, besitzt es doch so viel Atmosphäre, so viel Koloristik, die zu faszinieren weiß – eine echte Entdeckung!

Erregte Gesten und Eruptionen

Am Ende des Programms steht mit dem Lamento für Violine und Orchester (2002) des griechischen Komponisten Christos Samaras (Jg. 1956), Schüler u.a. von Friedrich Cerha und Isang Yun, Musik eines zeitgenössischen Komponisten. Anders als der Titel womöglich nahelegt, ist dies eine insgesamt ziemlich laute, von erregten Gesten, ja Eruptionen dominierte Musik mit viel Schlagwerk und zahlreichen Tuttipassagen, vielleicht eher Anklage als Klage. Es dominieren Moll-Akkorde, die in der Regel dissonant angereichert werden, etwa durch Holzbläserornamente oder Cluster in höheren Lagen, kleine Sekunden spielen eine wichtige Rolle. An den leiseren Stellen lässt Samaras gerne die Violine über einen ruhigen, fast statischen Streicherteppich (wiederum i.W. aus Moll-Akkorden mit leichten Reibungen) kantable Linien spielen. Eine eher direkte, filmische Musik, geprägt von einer gewissen Üppigkeit. In der Totalen ein empfehlenswertes Album, aus dem ich die Ersteinspielung von Achrons Konzert noch einmal besonders hervorheben möchte.

Holger Sambale [06.03.2026]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Erich Wolfgang Korngold
1Konzert D-Dur op. 35 für Violine und Orchester 00:26:06
Joseph Achron
4Violinkonzert Nr. 3 00:25:31
Christos Samaras
7Lamento 00:15:17

Interpreten der Einspielung

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