Menachem Wiesenberg
Echoes
Novus Promusica 8435800801144
1 CD • 39min • 2022
11.02.2026
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Gesamteindruck:![]()
Ein grollender Clusterklang bricht aus dem Klavier hervor, dann tasten sich Oud und Viola vor, vorsichtig, als beträten sie vermintes Gelände. Glissandi schleifen über Mikrointervalle hinweg, Tonalitäten geraten in Reibung – und plötzlich öffnet sich ein Klangraum, in dem Grenzen nicht mehr gelten. Diese wenigen Takte vom Beginn des Trio (Lamento) sind nur ein Beispiel für die Programmatik von Menachem Wiesenbergs aktuellem Album Echoes. Das ist Musik, die aus der Begegnung heraus denkt – und diese nicht als multikulturelle Geste, sondern als kompositorische Notwendigkeit.
Ästhetisches Spannungsfeld
Wiesenberg, Jahrgang 1950, Absolvent der Juilliard School, Professor an der Jerusalem Academy of Music and Dance, bewegt sich in einem ästhetischen Spannungsfeld und erhält sich dabei den aufgeklärten Blick: Jazzpianist und Kammermusikkomponist sind für ihn kein Widerspruch, er brilliert gleichsam beim Arrangieren jiddischer Volkslieder wie auch als Konstrukteur komplexer Formen. Vor allem zeigt die persönliche Werkschau der vorliegenden CD „Echoes" einen Komponisten, der strukturell denkt und emotional schreibt – und auch genau weiß, für wen er schreibt.
Gleichranige Interpreten
Denn die drei Interpreten, die Wiesenberg hier um sich versammelt, erweisen sich als aktive Mit-Autoren der aufgenommenen Musik. Der Bratschist Yuval Gotlibovich bringt einen Ton mit, der aus tiefschwarzen Registern emporsteigt und in der Höhe zu leuchten beginnt. Auch der palästinensisch-israelische Oud-Spieler Taiseer Elias macht einen riesigen klanglichen Erfahrungsschatz hörbar. Was nicht verwundert – er ist immerhin Gründer der Abteilung für orientalische Musik an der Jerusalem Academy, ehemaliges Mitglied des legendären Ensembles Bustan Avraham und arbeitete mit Ravi Shankar bis Paco de Lucía zusammen. Dritter im Bunde ist Chen Halevi, ein Klarinettist, der souverän auf den Pfad der alten Klezmer-Meister wandelt, ohne ihnen sklavisch zu folgen. Wiesenbergs Klavierspiel wiederum bleibt Herz und Hirn dieser Arrangements – nie dominierend, aber immer steuernd und wissend.
Like the Clay in the Potter's Hand für Viola und Klavier eröffnet das Album als rezitativischer Dialog, in dem Rubato zum existenziellen Ausdrucksmittel wird. Gotlibovichs Bratsche singt, klagt, insistiert – das Klavier antwortet raumgreifend, fast körperlich. Das anschließende Presto entlädt den inneren Aufruhr in drängenden Gesten, bringt fernöstliche Rhetorik mit Atonalität zusammen und erreicht eine Intensität, die man so von einem Eröffnungsstück nicht erwartet.
Notierte Kammermusik trifft auf improvisierte Maquam-Tradition
Im Trio (Lamento) wagen sich Oud und Viola weit hinaus in Regionen gestalterischer Freiheit, lassen die Klangballungen des Klaviers wie eine tektonische Kraftquelle auf sich wirken – und man hört, wie notierte Kammermusik und lebendige Maquam-Tradition zu einem organischen Ganzen verschmelzen. Mit der Klezmer Suite für Klarinette, Viola, Klavier und Kontrabass kommt eine weitere starke Stimme ins Spiel. Halevis freie Kadenz bietet genug zeitgenössische Spielauffassung, um jedes Abtauchen ins bloß Folkloristische zu verhindern. Wiesenberg transformiert die typischen Klezmer-Elemente – Modi, Verzierungen, rhythmische Patterns – in eine moderne Kammermusikform, ohne deren Temperament und Musikantentum zu opfern. Das anschließende O Land out There verdichtet sich mit pulsierenden Synkopen zu einer Miniatur aus Erinnerung und Ferne – Jazz und zeitgenössische Kammermusik, untrennbar verwoben.
Kühne Interaktion
Wohl kaum lassen sich in diesen gerade mal 35 Minuten Spiellänge mehr aufregende Details und kühne Interaktionen zwischen Musikern und Instrumenten bündeln. Und: Menachem Wiesenberg, zweifach mit dem Israelischen Premierministerpreis für Komposition ausgezeichnet, hat mit Echoes ein humanistisches Statement vorgelegt. Man hört Musiker, die sich über alle kulturellen Differenzen hinweg auf einen gemeinsamen Klang – und vor allem – eine verbindende Emotion einschwören.
Stefan Pieper [11.02.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Menachem Wiesenberg | ||
| 1 | Like the Clay in the Potter's Hand | 00:07:58 |
| 3 | Trio Lamento | 00:12:45 |
| 7 | Klezmer Suite | 00:16:14 |
| 10 | O Land Out There | 00:02:10 |
Interpreten der Einspielung
- Yuval Gotlibovich (Viola)
- Taiseer Elias (Oud)
- Chen Halevi (Klarinette)
- Nir Comforty (Kontrabass)
- Menachem Wiesenberg * 1950 (Klavier)
