Marco Marazzoli
Cantatas of Peace and Pleasure
Boston Early Music Festival
cpo 555 731-2
2 CD • 1h 29min • 2024
08.01.2026
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Gesamteindruck:![]()
Klassik Heute
Empfehlung
Bislang ungehobene Schätze direkt aus den vatikanischen Archiven sind hier zu begrüßen. Fünf von insgesamt sieben Kantaten für sechs Solostimmen aus der Feder des Marco Marazzoli (um 1602 – 1662) stellt das Boston Early Music Festival Ensemble auf diesem Doppelalbum vor. In seinem wie immer bei cpo höchst informierten Begleittext gibt Paul O'Dette, einer der beiden Leiter des Ensembles und selbst an der Theorbe aktiv, einen Eindruck davon, wie mühsam es ist, modernes Aufführungsmaterial aus uralten Autographen herzustellen, die „beinahe unleserlich“ sind sowie vor „durchgestrichenen Passagen, umgeschriebenen Stimmen, falschen Noten, unlesbaren Takten, nicht zu entziffernden Texten“ und so fort geradezu strotzen.
Auch im Rom des 17. Jahrhundert beherrschte man die musikalische Deklamation
Es muss diese äußerst unkomfortable Quellensituation der Hauptgrund dafür gewesen sein, dass Marco Marazzoli auch im Zuge jüngerer und jüngster barocker Wiederentdeckungen bislang de facto unbekannt geblieben ist. Die Qualität seiner Musik hat diesen Dornröschenschlaf auf jeden Fall nicht verdient, wie die einzelnen, unterschiedlich langen, formal wie inhaltlich abwechslungsreich gestalteten Kantaten belegen. Marazzoli schreibt in einem flexiblen, auch bei langen Textpassagen dichten und mitunter höchst expressiven Rezitativ-Stil, durchaus vergleichbar mit der gesanglichen Deklamation bei Giulio Caccini aus Florenz, Giovanni Gabrieli aus Venedig und dem Claudio Monteverdi der Mantuaner Zeit; Ritornelle und mehrstimmige, madrigaleske Passagen (etwa in La Vendemnia) lockern die Monodie auf und rücken diese Kantaten musiksprachlich in der Tat in die Nähe der zeitgenössischen Oper, wie Paul O´Dette in seinem Begleittext feststellt. In La Zenobia und La Guerra e la Pace gibt es auch zwei zündende Battaglia-Szenen, die natürlich den Vergleich zu Monteverdis Combattimento di Tancredi e Clorinda aus dem 8. Madrigalbuch herausfordern –Marazzoli besteht ihn mühelos. Abgesehen davon, wie gut die Musik ist, fügt die Wiederentdeckung Marco Marazzolis damit dem Bild der gegenüber den florentinischen und venezianischen Traditionen unterbelichteten Musikkultur Roms bedeutende Facetten hinzu.
Deklamation zwischen Oper und Madrigal
Erinnert man sich an die unbequeme Quellenlage mit den unleserlichen Manuskripten aus den vatikanischen Archiven, die am Beginn dieses Projektes standen, bewundert man umso mehr, wie vollkommen die sieben Gesangssolisten und acht Instrumentalisten sich dieses verschüttete Repertoire angeeignet haben. Beim Boston Early Music Festival Chamber Ensembles sind die Continuoinstrumente mit vier Köpfen so stark besetzt wie die Streichinstrumente, wobei die beiden Leitungsfiguren Paul O´Dette und Stephen Stubbs an Theorbe und Barockgitarre mitwirken: Die mitunter ausgreifenden Deklamationen werden schon allein deshalb nicht langweilig, weil der Basso Continuo so reich rauschend realisiert ist. Außerdem fangen die Sängerinnen und Sänger das dramatische Flair suggestiv ein: In der längsten der Kantaten, Il Riposo, singen Carlotta Colombo und Danielle Reutter-Harrah die beiden Nymphen nicht nur mit rein leuchtendem Sopran, sondern stellen die weiblichen Naturgeister auch mit hörbar kapriziösem Spieltalent dar. Bei den beiden Baritonen Jesse Blumberg und Mauro Borgioni kann man in diesem dramatischen Kontext mild bedauern, daß sie sich in ihrem weichen Stimmtypus ähneln, sodass man sie, wenn sie, wie in Il Riposo, zusammen auftreten, nicht allzu plastisch auseinanderhalten kann: eine zwiespältige Tendenz der heutigen Stimmausbildung, die gerade im Bereich Alter Musik universelle Einsetzbarkeit bisweilen durch Verzicht auf vokale Individualität erkauft. Dafür sind die sechsstimmigen Vokalensembles in dem knappsten der Werke Mortali, o voi ch´in atra notte bestens gegeneinander ausbalanciert, sodass sich solistische Virtuosität mit annähernd chorischer Schlagkraft verbindet. Die Entzifferung der unleserlichen Handschriften lohnt im Falle Marco Marazzolis der Mühen – die Mitglieder des Boston Early Music Festival Ensembles dürfen sich gerne bald wieder in die verstaubten Archive in Rom versenken ...
Prof. Dr. Michael B. Weiß [08.01.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Marco Marazzoli | ||
| 1 | La Vendemmia | 00:25:27 |
| 9 | La Zenobia | 00:15:03 |
| CD/SACD 2 | ||
| 1 | Il Riposo | 00:27:22 |
| 9 | Mortali, o voi ch'in atra notte | 00:07:03 |
| 11 | La Guerra e la Pace | 00:13:28 |
Interpreten der Einspielung
- Boston Early Music Festival Chorus (Chor)
- Boston Early Music Festival Chamber Ensemble (Ensemble)
- Paul O'Dette (Dirigent)
- Stephen Stubbs (Dirigent)
