Joseph Haas | Franz Liszt 3
Gerit Lense Klavier
Ars Produktion ARS 38 673
1 CD • 74min • 2014
30.09.2026
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Gesamteindruck:![]()
Klassik Heute
Empfehlung
Erfreulicherweise nimmt sich das Label Ars Produktion in jüngster Zeit verstärkt der Musik von Joseph Haas (1879–1960) an, was insbesondere die Wiederauflage der Aufnahmen ausgewählter Klavierwerke durch die Pianistin Gerit Lense (zunächst bei Cavalli Records erschienen) umfasst. Bereits erschienen sind zwei komplette Haas-CDs, während die vorliegende Neuerscheinung einerseits den Zyklus abrundet und andererseits Haas’ Kompositionen eine Handvoll Werke von Franz Liszt gegenüberstellt – eine erst einmal durchaus überraschende Paarung, die von der Pianistin selbst im Beiheft aber durchaus bedenkenswert erläutert werden.
Mit feinem Strich gearbeitet
Um eine Abrundung handelt es sich insofern, als dass das Album Lenses Aufnahmen zweier Werkgruppen innerhalb von Haas’ Klavierschaffen komplettiert. Zum einen sind dies die Hausmärchen – Haas schrieb drei so betitelte Zyklen, und hier erscheint nun der letzte, Opus 53, komponiert 1920. Wiederum aus neun kurzen Stücken (von jeweils einer Seite Notentext) bestehend, zeigt sich in diesen (nicht nur) hausmusikalisch konzipierten Miniaturen etliches, was für Haas’ Musik insgesamt charakteristisch ist. Märchen sind diese Stücke nicht durch irgendeine Form von Programm (sie tragen nicht einmal assoziative Titel), sondern durch ihren Gestus, ihre Atmosphäre, eine freundliche, warmherzige, volkstümliche, durchaus auch humorvolle Musik, mit feinem Strich gezeichnet. Haas ist entschieden Traditionalist, auch dann, wenn seine unzweifelhaft von der deutschen Spätromantik kommende Musik hier und da leicht in Richtung Impressionismus blickt – und doch ist bei näherem Hinsehen vieles eine Nuance anders als erwartet, wenn er etwa im dritten dieser Stücke die Tonika C-Dur bis kurz vor Schluss ausspart. Wohlgemerkt: ohne dass dies im Mindesten forciert klingen würde, wie auch die kleinen metrischen und rhythmischen Irregularitäten, mit denen Haas immer wieder spielt und die er dabei völlig organisch und natürlich in den Fluss seiner Musik einzubetten weiß.
Die Grazie der Haas’schen Musik
Der zweite Zyklus, den das Album komplettiert, ist derjenige der Vier Sonatinen op. 94 (1943), hier vertreten mit Nr. 3 in G-Dur und Nr. 4 in F-Dur. Wie Gerit Lense im Interview im Begleitheft (übrigens neben zwei weiteren Essays über die hier vertreten Werke, die CD ist also auch in dieser Hinsicht sehr großzügig und informativ) hervorhebt, geht es hierbei nicht zuletzt auch um einen Vergleich der mittleren und späten Schaffensperiode. Auf der einen Seite hat sie recht damit, dass die Sonatinen insgesamt eine Spur klassizistischer anmuten als die Hausmärchen, und doch zeigen sie einen Komponisten, der sich über all die Jahre in wesentlichen Zügen treu geblieben ist: die lichte, auf den Punkt gebrachte Klarheit dieser Musik, ihr im wesentlichen aufgeräumtes Wesen (auch dann, wenn das Finale der Sonatine Nr. 4 erst einmal in Moll beginnt), die zarten, feinen Momente (wie in den silbrigen Klängen kurz vor Schluss des 1. Satzes der Sonatine Nr. 4), auch der unaufdringliche Humor der Ecksätze der Sonatine Nr. 3, die Grazie dieser Musik – all dies ist reinster Haas.
Unerwartete Parallelen
Genau wie in ihrer Auswahl der Stücke von Haas stellt Lense auch bei Franz Liszt einige Stücke des Spätwerks (La lugubre gondola, Trübe Wolken, Schlaflos! Frage und Antwort) Werken der mittleren bis frühen Schaffensperiode (Ballade Nr. 2, Vallée d’Obermann) gegenüber. Hier ist der Kontrast natürlich erst einmal deutlich stärker ausgeprägt, wobei man bei der Durchsichtigkeit der späten Werke trotz gänzlich verschiedener Atmosphärik tatsächlich ein wenig über gewisse Parallelen zur Klarheit von Haas’ Sonatinen nachsinnen kann. Und überhaupt: Gerit Lense ist ja eine Pianistin, die nicht zum Forcieren neigt, sondern auch im Fortissimo die Differenzierung sucht, die stets die Subtilitäten, das Verinnerlichte der von ihr vorgestellten Werke aufzudecken versteht. Diese Qualitäten korrespondieren vorzüglich mit dem Wesen von Haas’ Musik; was im Kontext dieses Albums darüber hinaus von besonderem Interesse ist zudem, dass ihr Ansatz bei Liszt die beiden Komponisten in der Tat ein gutes Stück näher aneinanderrücken lässt als man priori vermuten würde, also auch ungeahnte Perspektiven ans Licht bringt. Summa summarum eine weitere ungemein erfreuliche Novität!
Holger Sambale [30.09.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Joseph Haas | ||
| 1 | Neu Hausmärchen op. 53 | 00:14:58 |
| 10 | Sonatine G-Dur op. 94 Nr. 3 | 00:08:21 |
| 13 | Sonatine F-Dur op. 94 Nr. 4 | 00:10:24 |
| Franz Liszt | ||
| 15 | La lugubre gondola S 200 Nr. 1 | 00:05:05 |
| 16 | Nuages gris S 199 | 00:02:45 |
| 17 | Schlaflos! Frage und Antwort S 203 | 00:02:36 |
| 18 | Ballade Nr. 2 h-Moll S 171 | 00:16:05 |
| 19 | Vallée d'Obermann S 160:6 (Années de Pèlerinage - première année: Suisse S 160) | 00:14:00 |
Interpreten der Einspielung
- Gerit Lense (Klavier)
