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Besprechung CDO amor et sublimitas

O amor et sublimitas

Mittelalterliche Gesänge aus Schweizer Quellen
Ensemble Resonez • Angélique Greuter

Schweizer Fonogramm SF0024

1 CD • 61min • 2025

04.09.2026

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Anstatt einmal wieder den Codex Montpellier oder das Magnus liber organi zu plündern hat sich das Ensemble Resonez aufgemacht, bisher nicht im Fokus stehende Quellen mittelalterlicher Musik schweizerischer Provenienz zu evaluieren. Da das reine Frauenensemble diese Werke in Vierfuß-Lage darbietet, passen Blockflöten und die Doucaine, ein Rohrblattinstrument, das dem armenischen Duduk verwandt ist und als leise Form des Pommers gilt, hervorragend dazu. Glaubt man den Fotos im Booklet musizieren sie nicht aus modernen Neuausgaben, sondern aus Kopien des originalen Textes.

Unbekannte Namen, ungewöhnliche Notation

Wer sich näher mit Musik des Mittelalters beschäftigt, muss erst einmal Vokabeln pauken. Da gibt es einerseits das Organum, das seinen Ursprung in der Erkenntnis karolingischer Mönche hat, dass ein gregorianischer Choral, der in der Oberquint verdoppelt wird, im Hall eines Kirchenraums an Pracht und Volumen zunimmt. Die Oberstimme wurde dann nach und nach mit immer virtuoseren Verzierungen versehen (Clausulae), die bei zwei oder drei Oberstimmen über den Pfundnoten des Chorals Angaben über den Rhythmus benötigten, woraus die Modalnotation entstand, die in modifizierter Form auch heutzutage noch für den gregorianischen Choral verwendet wird. Dies ermöglichte dann die Formen der Motette und den Conductus, mit dem hohe kirchlich Würdenträger geleitet wurden. Motette und Conductus verwenden fast immer den Diskantsatz, bei dem sich die Oberstimme in Gegenbewegung zum Ténor bewegt, dem die Cantus firmus-Stimme Haltenden (tenere=halten).

Die Musik selbst erfordert in ihrer Archaik fast ebenso viel Einhörens wie zeitgenössische Kompositionen. Zunächst klingt alles ähnlich, weil wir es im 13. Jahrhundert mit einer sich noch entwickelnden Art der Musik zu tun haben. Deshalb entdeckt man die Subtilität von Werken und ihrer Interpretation erst allmählich. Dann laden die Kompositionen den Hörer aber zu meditativer Versenkung und auf eine Zeitreise ein.

Könnerinnen am Werk

Die fünf Damen des Ensembles Resonez, machen ihre Sache hervorragend. Sie sind so tief in diese Klangwelt eingedrungen, dass sie die Kompositionen aus der originalen Notation aufführen können und eine Übertragung in moderne Notenschrift nicht benötigen, dazu erfreut, dass sie eher unbekannte Quellen aus vorwiegend schweizerischen Handschriften erstmalig aufgenommen haben. Sie leben so tief in dieser Klangwelt, dass Blockflötistin Marie Verstraete aus vorhandenem Material eine Estampie, einen Tanz, erstellen und im Stil des 13. Jahrhunderts notieren konnte. Dazu verschmelzen die Stimmen der Sängerinnen hervorragend untereinander, aber auch mit den jeweilig eingesetzten Instrumenten. Die Stücke sind im Original in allen Stimmen weitgehend im C-Schlüssel auf der mittleren von 5-6 Linien notiert, was ohne Hilfslinien einen Umfang von e-a1 ergibt, wobei wir natürlich nicht wissen, auf welcher Frequenz damals das C angenommen wurde. Frauenstimmen müssen das Ganze somit aufwärts transponieren, was dem Ganzen ein milderes Gepräge verleiht. Was soll's, wenn es so makellos intoniert wird.

Opulentes Booklet

Das Booklet ist der reine Luxus mit exquisit kenntnisreichem Booklet-Kommentar und allen Texten im Original. Deutsche und Englische Übersetzungen lassen sich per QR-Code abrufen. Sehr schön auch die Abbildungen einiger der originalen Quellen und der neukomponierten Estampie.

Farbigkeit und Räumlichkeit der Aufnahme runden den exzellenten Gesamteindruck ab.

Fazit: Wer Lust auf eine meditative Zeitreise von ähnlicher Wirkung wie manches von Arvo Pärt hat, kommt definitiv auf seine Kosten. Somit vor allem den Neugierige definitiv empfohlen.

Thomas Baack [04.09.2026]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Anon.
1Veri floris sub figura (Conductus, Codex 383) 00:03:28
2Kyrie (Graduale der Abtei La Maigrauge, gregorianisch) 00:03:01
3O amor Deus deitas (geistliches Lied, Philipp dem Kanzler zugeschrieben) 00:15:56
4Hac in die Gedeonis (zweistg. Conductus, Codex 383) 00:05:00
5Sol sub nube latuit (zweistg. Conductus, Walter von Châtillon zugeschrieben, Codex 383) 00:03:25
6Sanctus Alme Deus (gregorianisch, Codex 383) 00:06:18
7Agnus Dei Crimina tollis (gregorianisch, Graduale der Abtei La Maigrauge) 00:03:14
8O Ihesu admirabilis (Basler Liederhandschrift) 00:03:36
9Vunc (Estampie) 00:04:36
10Lonc tens a que ne vi m'amie (Trouvère-Lied) 00:00:58
11Ave deitatis / Cele m'a tolu la vie / Lonc tens a que ne vi m'amie / Et sperabit (4stg. Motette, Manuskript La Clayette) 00:02:33
12Weine herze, weinen ougen (geistl. Lied, Basler Liederhandschrift) 00:05:27
13Patrem parit filia (geistl. Lied mit Refrain, Basler Liederhandschrift) 00:02:30

Interpreten der Einspielung

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