Hugo Kaun
Symphony No. 2 op. 85 • Sir John Falstaff op. 60
Rundfunksinfonieorchester Berlin • Jonathan Stockhammer
cpo 555 714-2
1 CD • 59min • 2024
21.05.2026
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Gesamteindruck:![]()
Klassik Heute
Empfehlung
Das Schicksal des Berliners Hugo Kaun (1863-1932) wollte es, dass er bei zwei der großen Kontrapunktmeister der Epoche studierte: zunächst ab 1879 in seiner Heimatstadt bei Friedrich Kiel, dann in Chicago bei Bernhard Ziehn, der wie kein anderer die Schwächen Hugo Riemanns attackierte und zusammen mit seinem Meisterschüler Wilhelm Middelschulte von Busoni als „Gotiker von Chicago“ gepriesen wurde. Von 1887 bis 1900 lebte er in den USA, wo er in Milwaukee als Dirigent wirkte. Wertschätzende Freundschaft verband ihn mit Theodore Thomas, dem ostfriesischen Gründer und Chefdirigenten des Chicago Symphony Orchestra, der auch seine 1. Symphonie zur Uraufführung brachte. 1900 ging Kaun zurück nach Berlin, wo er lange um offizielle Anerkennung kämpfen musste, bis er 1912 endlich eine Kompositionsprofessur zuerkannt bekam. Zu seinen Studenten zählte Heinrich Kaminski. Die Zeit nach der Rückkehr nach Deutschland war die fruchtbarste in Kauns kompositorischem Schaffen.
Orchester-Humoreske auf Augenhöhe mit Strauss
Nach der ersten Folge der Einspielungen seiner Orchesterwerke für cpo mit der 3. Symphonie op. 96 und den beiden in den USA entstandenen Longfellow-Tondichtungen Minnehaha und Hiawatha dirigiert Jonathan Stockhammer das RSO Berlin nunmehr auch die Ersteinspielungen der komischen Tondichtung Sir John Falstaff op. 60 und der 2. Symphonie op. 85. Dieser Falstaff, bei Drucklegung als ‚Humoreske für Orchester‘ ausgewiesen, wurde zum unfreiwilligen ’in memoriam’: „Am 4. Januar schrieb ich die letzte Note dieses Werkes, das ein Zeichen meiner Verehrung und Liebe für Theodor Thomas sein sollte. – Am selben Tage noch erhielt ich die Nachricht von seinem Ableben! – So möge es denn ein Denkmal der treuen Freundschaft für den genialen Begründer des Chicago-Orchesters sein.“ (Hugo Kaun im Januar 1905.) Es ist gewiss interessant, diese herrlich gearbeitete 16minütige Humoreske mit dem später entstandenen, grandiosen Falstaff von Edward Elgar zu vergleichen, aber am nächsten liegt hier zweifellos Richard Strauss mit Don Juan, Till Eulenspiegels lustige Streiche und Don Quijote. Und Kaun kann wunderbar neben Strauss bestehen – er teilt mit ihm die virtuose Handhabung von Harmonie und Kontrapunkt, auch die farbenreiche und plastische Meisterschaft der Orchestration, und vor allem die souveräne Beherrschung der Form, die uns – bei allem offenkundigen und auch absichtlich schrulligen Humor und der hinreißenden Bizarrerie zwischen Scherz und Tod-Ernst – das Werk auch ohne literarisches Programm als reine Musik ebenso schlüssig erscheinen läßt. Auch ist Kaun stets ein prägnanter Melodiker, und nie erscheint sein Können als scholastisch trockene Gelehrsamkeit.
Sensitive Kraft und Zartheit
Vier Jahre und 25 Opusnummern später entstand 1908 die 2. Symphonie in c-moll op. 85, in vier klassisch geordneten Sätzen (Adagio vor dem Scherzo an zweiter Stelle) eine Dreiviertelstunde Spielzeit umspannend. Kauns Musik, die stets formbewusst ein architektonisches Kontinuum durchschreitet, ist von großer sensitiver Kraft und Zartheit. Der einzige wirklich schnelle Satz ist hier das knapp komponierte Scherzo. Der Kopfsatz entwirft farbenreich schillernde Seelenlandschaften, das Adagio, ausdrücklich als ‚Sehr innig, mit großem Ausdruck‘ charakterisiert, entfaltet die ganze verinnerlichte Pracht der norddeutschen Romantik, und man liegt nicht falsch, wenn man hier eine Versöhnung des erbittert ausgetragenen Kampfes zwischen Brahminen und Neudeutschen wahrnimmt. Dramatik und Lyrik stehen im Kopfsatz in einem mustergültig ausgewogenen Verhältnis. Offenkundig hat Kaun, wie fast alle Zeitgenossen, in Bezug auf die verwendeten Mittel Wagner mehr zu verdanken als Brahms, und doch ist er eben kein Wagnerianer und steht dem Hamburger Meister hinsichtlich der konzentriert organischen Formung viel näher, und auch Bruckner und Strauss sind sozusagen symbolisch als Gegensätze versöhnt. Kaun selbst empfand sich eher Pfitzner und Reger künstlerisch verwandt, doch sind weder der weltabgewandte Pessimismus des einen noch die chromatischen Exzesse des anderen seine Sache. Kaun baut auf seinem ganz eigenen Platz, und das unkonventionelle Finale der Symphonie ist ein verhalten schreitender Marsch zwischen Versenkung und Erhebung.
Sehr feines Dirigat
Sehr fein ist das selbstlos werkdienliche Dirigat Jonathan Stockhammers – eine Passage, deren Ausführung mir nicht plausibel ist, ist allerdings zum Höhepunkt des Adagios hin (ab Ziffer 14, ‚Etwas drängend’), wo die Notation deutlich und sinnvoll das Kantable unterstützend in den Bläsern keine Achtel mit Pausen dazwischen, sondern Viertel vorgibt, und es nun ziemlich schroff abgehackt vorgeführt wird. Das ist schade, bildet aber eine Ausnahme. Stockhammer ist es insgesamt offenkundig gelungen, das Orchester auf die Atmosphäre und den Spannungsverlauf dieser wertvollen Werke weit mehr einzustimmen, als dies bei solchen Studioproduktionen normalerweise der Fall ist — man hatte glücklicherweise auch vier Tage Zeit für die Aufnahmen. Die Tonregie ist ausgezeichnet, der Booklettext solide informierend.
Christoph Schlüren [21.05.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Hugo Wilhelm Kaun | ||
| 1 | Sir John Falstaff op. 60 (A Humoresque) | 00:15:48 |
| 2 | Sinfonie Nr. 2 c-Moll op. 85 | 00:43:18 |
Interpreten der Einspielung
- Rundfunk Sinfonieorchester Berlin (Orchester)
- Jonathan Stockhammer (Dirigent)
