Mel Bonis
Orchestral Works
cpo 555 752-2
1 CD • 61min • 2024
23.04.2026
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Gesamteindruck:![]()
Während ihre Kollegin Cécile Chaminade (1857-1944) sich seit längerer Zeit einen festen Nischenplatz im Konzert-Repertoire erobert hat, ist die nicht minder begabte Mel (Mélanie) Bonis (1858-1937) bislang weitgehend unbekannt geblieben. Einige Titel von ihr tauchten gelegentlich in Sammelprogrammen auf, die vorliegende Zusammenstellung ihrer Orchesterwerke bei cpo in einer Produktion des WDR stellt also eine echte Pionierleistung dar.
Wer ist Mélanie Bonis?
In kleinbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen, weckt Mélanies überdurchschnittliches musikalisches Talent das Interesse von César Franck, der sie im Orgelspiel unterrichtet und ihre Aufnahme ins Pariser Konservatorium vermittelt, wo Ernest Guiraud und Jules Massenet zu ihren Lehrern zählen. Sie erhält zahlreiche Auszeichnungen und kann schon 1881 ihre erste Komposition herausbringen. Ihre privaten Verhältnisse gestalten sich nicht so erfreulich. Ihre Eltern untersagen die Verbindung mit dem geliebten Dichter und Sänger Amédée Landley Hettich, der später noch eine bedeutende Rolle im kulturellen Leben Frankreichs spielen wird, und zwingen sie zur Heirat mit einem 20 Jahre älteren, wohlhabenden Witwer, der fünf Söhne in die Ehe mitbringt und ihr zwei weitere sowie eine Tochter abnötigt. Sie hat also einen riesigen Haushalt zu bestreiten, kann allerdings ohne materielle Sorgen komponieren. Und sie nimmt auch die Beziehung zu Hettich wieder auf, mit dem sie 1899 eine uneheliche Tochter bekommt.
Vom Klavier zum Orchester
Die meisten der hier veröffentlichten Orchesterwerke waren zunächst in Klavier- oder Kammermusik-Versionen geschrieben und wurden erst später von Bonis instrumentiert. Aufführungen der Orchesterfassungen sind nur in seltenen Fällen nachzuweisen, so dass nicht feststeht, ob es sich bei diesem Album nicht nur um Ersteinspielungen, sondern möglicherweise sogar um Uraufführungen handelt. Femmes de légende entstand in loser Folge in den Jahren 1897-1913 als Klavierzyklus, drei Teile daraus wurden später in Orchesterversionen veröffentlicht und zeigen Bonis‘ hohe Kunst der Instrumentierung, vermitteln impressionistisches Flair. Salomé ist von besonderem Interesse, denn man darf davon ausgehen, dass Bonis die französische Erstaufführung der gleichnamigen Oper von Richard Strauss im Théâtre du Châtelet 1907 miterlebt und in einem wild-tänzerischen Klang-Porträt darauf reagiert hat. Hier wie in dem früheren Le Songe de Cléopâtre huldigt sie der damals auch in der Musik noch lebendigen Mode des Orientalismus. Die wird in der 1906 (ursprünglich als Trio für Violine/Flöte, Cello und Klavier komponierten) dreisätzigen Suite orientale zum eigentlichen Thema. Nur zwei Sätze daraus fanden in der Orchesterfassung Verwendung, wobei die erotische Danse d’Almées besonderes Interesse verdient.
Schwanengesänge der Belle Époque
Tanzformen bestimmten das symphonische Œuvre von Mel Bonis. Der Klavierwalzer Les Gitanos, 1891 für einen Wettbewerb der Zeitschrift „Piano soleil“ geschrieben, brachte ihr den mit 400 Franc dotierten ersten Preis und eine Medaille ein. In der Orchestrierung von Adolphe Gauwin ist er auch heute ein potentieller „Hit“. Walzerseligkeit in unbeschwerter Form prägt auch den Zyklus Suite en forme de valses, der 1898 erstmals in einer Fassung für Klavier zu vier Händen publiziert wurde. Da ist noch keine Spur von Dekonstruktion des Genres zu ahnen, wie sie Maurice Ravel Jahre später mit La Valse vornimmt. Mel Bonis war als Musikerin ein Kind der Belle Époque. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs legte ihre Kreativität lahm und auch die „Roaring Twenties“ blieben ihr völlig fremd. Schon von Jugend an gläubige Christin, wurde sie im Alter – gezeichnet durch Schicksalsschläge und Krankheiten – noch religiöser und schrieb, meist im Liegen auf ihrer Chaiselongue, geistliche Werke und Orgelmusik.
Zum Wiederhören
Die Wiedergabe der Orchesterwerke, die durchweg das Kennenlernen lohnen und auch zu mehrmaligem Hören einladen, lässt keine Wünsche offen. Das WDR Sinfonieorchester unter Joseph Bastian löst sowohl den impressionistischen Klangzauber der Kompositionen wie ihre rhythmische Eleganz. Drei kürzere Gesangsstücke, das humoristische Lied Le Chat sur le toit, das andächtige Gebet Noël de la Vierge Marie und das leicht beschwingte Chorduett Le Ruisseau finden in der Sopranistin Lydia Teuscher, der Mezzosopranistin Julie Rebard-Gendre und den Damen des WDR Rundfunkchors adäquate Interpreten. Das Booklet, schön illustriert, enthält die gesungenen Texte in drei Sprachen und eine vorzügliche Einführung in Leben und Werk der Komponistin von Markus Bruderreck.
Ekkehard Pluta [23.04.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Mélanie Bonis | ||
| 1 | Le Songe de Cléopâtre op. 180 (aus: Trois femmes de légende) | 00:08:00 |
| 2 | Ophélie op. 165 (aus: Trois femmes de légende) | 00:05:00 |
| 3 | Salomé op. 100 Nr. 2 (aus: Trois femmes de légende) | 00:04:32 |
| 4 | Suite orientale op. 48 Nr. 2 | 00:07:03 |
| 6 | Les Gitanos op. 15 Nr. 3 (Valse éspagnole) | 00:03:39 |
| 7 | Ballabile op. 37 Nr. 3 (aus: Suite en forme de valses) | 00:02:07 |
| 8 | Interlude et Valse lente op. 38 Nr. 3 (aus: Suite en forme de valses) | 00:03:46 |
| 9 | Scherzo-valse op. 35 Nr. 3 (aus: Suite en forme de valses) | 00:02:17 |
| 10 | Bourée op. 62 Nr. 2 (Danse pour orchestre) | 00:02:23 |
| 11 | Pavane op. 81 Nr. 3 (Danse pour orchestre) | 00:03:05 |
| 12 | Sarabande op. 82 Nr. 2 (Danse pour orchestre) | 00:04:06 |
| 13 | Danse sacrée op. 36 Nr. 2 | 00:03:47 |
| 14 | Le Chat sur le toit op. 93 Nr. 2 (Les Amours du chat) | 00:02:46 |
| 15 | Noël de la Vierge Marie op. 54 Nr. 2 | 00:05:27 |
| 16 | Le Ruisseau op. 21 Nr. 2 | 00:02:46 |
Interpreten der Einspielung
- Lydia Teuscher (Sopran)
- Julie Robard-Gendre (Mezzosopran)
- Damen des WDR Rundfunkchores (Frauenchor)
- WDR Sinfonieorchester Köln (Orchester)
- Joseph Bastian (Dirigent)
