Siegfried Translateur
Wiener Praterleben
Nürnberger Symphoniker • Jan Michael Horstmann
cpo 555 614-2
1 CD • 70min • 2023
13.04.2026
Künstlerische Qualität:![]()
Klangqualität:![]()
Gesamteindruck:![]()
Jeder kennt den Sportpalastwalzer, kaum einer dessen Komponisten: Siegfried Translateur, geboren 1875 im oberschlesischen Bad Carlsruhe, gestorben 1944 im KZ Theresienstadt. Über 200 Werke hat er hinterlassen, einen eigenen Musikverlag gegründet, 17 Verlage haben seine Werke verlegt, und er ist Mitbegründer der späteren GEMA. In der Pallasstraße in Berlin weist eine Klang-Installation auf Translateur hin, vor seinem ehemaligen Wohnhaus in der Güntzelstraße wurde ein Stolperstein verlegt. Und immerhin hat ihn Erich Kästner in einem seiner Gedichte („Elegie mit Ei“) verewigt. Außer seinem Sportpalastwalzer sind alle seine Werke aus den Konzertprogrammen verschwunden. Somit ist diese Aufnahme, wie das ausführliche Booklet schreibt – neben dem Klangdenkmal und dem Stolperstein wie eine „späte Genugtuung…und ein weiterer Schritt, diesen ‚liebenswürdigen Meister der leichten Muse‘ wieder erlebbar werden zu lassen“. Dreizehn Werke finden auf dieser CD Platz, Walzer, Märsche und Charakterstücke.
Sportpalastwalzer: Pfiffe statt Klatschen
Der Sportwalastwalzer, eigentlich Wiener Praterleben op. 12, thront mitten drin (Track 8). Translateur hat ihn mit 17 Jahren in Wien komponiert, berühmt wurde er aber ab 1923 als Begleitmusik zum jährlichen Sechstagerennen im Berliner Sportpalast. Das Berliner Original „Krücke“ (eigentlich Reinhold Habisch) ersetzte das viermalige Klatschen durch vier grelle Pfiffe, durch die Finger ausgestoßen. In dieser Form ist er auch heute noch berühmt. Er ist das längste Stück dieser CD und erscheint mit dem originalen Klatschen – das aber ruhig kräftiger, explosiver hätte ausfallen können.
Berlinerisch kesse Walzer
Translateurs Walzer, Intermezzi und Märsche haben meist etwas Berlinerisches, Fröhlich-Schmissiges, ja Kess-Freches und zeichnen sich alle durch feine und fantasiereiche Instrumentierung, rhythmische Finessen und häufige knallige Forte-Überraschungen aus. Wenn sie langsam sind, werden sie schwelgerisch. Überraschungen stellen auch die Mitwirkungen der Orchestermitglieder dar: mal singen sie ein japanisches gemeintes „Yahoo“, mal summen sie nachtwandlerisch oder pfeifen sie die Melodie und einmal ertönt sogar Kindergeschrei. Öfters werden Kastagnetten verwendet, nicht nur wie erwartet im Spanischen Walzer Torero op. 100 (Track 6). Translateur erweist sich auch immer als – wie das Booklet schreibt „Meister der verflochtenen Mittelstimmen“. Die Märsche haben einen unwiderstehlich vorwärtstreibenden Drang, die Walzer einen lebensfrohen Elan, wie zum Beispiel Flott durch’s Leben op. 155 (Track 13), der mit seiner wuchtigen Lebensfreude an Walzer von Carl Michael Ziehrer erinnert.
Mit forschem Schmiss
Die Nürnberger Symphoniker spielen unter der anfeuernden Leitung von Jan Michael Horstmann sonor-saftig, federnd brillant, mit forschem Schmiss und vorwärtsstürmend-mitreißendem Schwung. Der Raumklang ist recht neutral, die Instrumentengruppen sind klar getrennt hörbar. Diese CD holt einen vergessenen und tragisch geendeten Komponisten aus der Versenkung und bietet jedem Neujahrskonzert neue programmatische Impulse.
Rainer W. Janka [13.04.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Siegfried Translateur | ||
| 1 | Durch's Ziel WoO | 00:02:53 |
| 2 | Nur wer die Sehnsucht kennt op. 161 | 00:07:21 |
| 3 | Japanischer Hochzeitsmarsch op. 85 | 00:02:25 |
| 4 | Großstadtbummel op. 72 | 00:07:22 |
| 5 | Jugend voran op. 167 | 00:02:25 |
| 6 | Torero op. 100 | 00:07:48 |
| 7 | Rokoko-Gavotte op. 163 Nr. 1 | 00:03:32 |
| 8 | Wiener Praterleben op. 12 | 00:09:33 |
| 9 | Was Blumen träumen op. 156 | 00:05:29 |
| 10 | Hochzeitszug in Liliput op. 165 | 00:05:04 |
| 11 | Märchen der Liebe op. 166 | 00:04:56 |
| 12 | Schlummerliedchen op. 163 Nr. 5 | 00:03:36 |
| 13 | Flott durch's Leben op. 155 | 00:08:02 |
Interpreten der Einspielung
- Nürnberger Symphoniker (Orchester)
- Jan Michael Horstmann (Dirigent)
