Dramatischer Saisonabschluss bei den Bremer Philharmonikern
Brahms‘ „Riesenwerk“ und Schostakowitschs Geheimprojekt
Das 12. Philharmonische Konzert der Bremer Philharmoniker am 22./23. Juni verspricht einen dramatischen Saisonabschluss – packend und atemberaubend: Generalmusikdirektor Marko Letonja vollendet den Brahms-Zyklus mit der vierten Symphonie, und Vadim Gluzman präsentiert vorab mit Schostakowitschs ersten Violinkonzert eines der größten und schwierigsten Solokonzerte des 20. Jahrhunderts.
Musikalische Tour de Force
Sieben Jahre lang musste Dmitrij Schostakowitsch sein erstes Violinkonzert verstecken – zu groß war die Gefahr, dass Stalins Kulturkommissare es entdecken und den Komponisten mit Arbeitsverbot sanktionieren oder ihn direkt in den Gulag schicken würden. Seit der Premiere seiner Oper Lady Macbeth von Mzensk 1936 stand Schostakowitsch unter strenger Beobachtung des diktatorischen Regimes. 1948, als er gerade mit der Arbeit an seinem ersten Violinkonzert begann, wurde er angeklagt, Musik zu schreiben, die „formalistische Verzerrungen und antidemokratische Tendenzen“ aufweise. Trotz allem vollendete er das Konzert heimlich und spickte es mit sarkastischen Spitzen gegen das herrschende Regime und ironischen Persiflagen des Politapparats – furios, rasant und hochemotional.
Nach Stalins Tod bot sich die Möglichkeit, das Violinkonzert endlich aus der Schublade hervorzuholen und uraufzuführen. Solist war sein enger Freund, der berühmte Geiger und Widmungsträger David Oistrach. Während der kräftezehrenden Proben verglich er die Rolle der Solovioline mit einem Schauspieler, der 40 Minuten ohne Pause sprechen müsse. Nur auf die dringende Bitte seines Freundes baute Schostakowitsch nachträglich eine kleine Verschnaufpause von wenigen Sekunden für den Solisten ein. Das Bremer Publikum erlebt eine musikalische Tour de Force mit höchsten Ansprüchen an Virtuosität, Technik und Ausdauer, genau das Richtige für einen Weltklasseviolinisten wie Vadim Gluzman.
Monumentales Werk
Johannes Brahms sprach mit typischen Hamburger Understatement von „ein paar Entr’actes […], was man so zusammen gewöhnlich eine Symphonie nennt“, Richard Strauss nannte es „ein Riesenwerk, neu und originell“, Hans von Bülow schwärmte von „eherner Individualität“ und „beispielloser Energie von a bis z“ und Clara Schumann schrieb „Lieber Johannes, da soll ich nun diktieren und habe das Herz voll zum Überfließen über Deine Symphonie“ – die Rede ist von Brahms‘ Symphonie Nr. 4. Die Uraufführung in Meiningen war 1885 ein großer Erfolg. Das Wiener Publikum tat sich dagegen wenige Monate später bei der dortigen Erstaufführung schwer: eher höflicher als begeisterter Beifall, eher zurückhaltende Kritiken als wirklich überzeugte, und der Komponist Hugo Wolf mäkelte sogar, Brahms komponiere „ohne Ideen“. Zehn Jahre später sorgte nicht zuletzt Hans von Bülow mit einer Welttournee dafür, dass die Vierte weltweit gefeiert wurde. 1897, kurz vor Brahms Tod, hat dann auch das Wiener Publikum die Symphonie Nr. 4 endlich verstanden und schenkte ihr stürmischen Beifall – absolut verdient, damals wie heute.
Vollendung des Brahms-Zyklus
Die Bremer Philharmoniker beenden mit diesem Werk ihren Brahms-Zyklus. Alle vier Symphonien wurden von Marko Letonja dirigiert und erhielten vom Publikum großen Beifall und von Presse sowie aus Fachkreisen hervorragende Kritiken. Ihren Ruf als Orchester für ausgezeichnete Brahms-Interpretationen haben die Bremer Philharmoniker mit diesem Zyklus eindrucksvoll untermauert.
Dmitrij Schostakowitsch (1906-1975)
Violinkonzert Nr. 1 a-Moll op. 77
Johannes Brahms (1833-1897)
Symphonie Nr. 4 e-Moll op. 98
Vadim Gluzman, Violine
Bremer Philharmoniker
Marko Letonja, Dirigat
Die Konzerteinführung mit Thomas Birkhahn findet eine halbe Stunde vor Konzertbeginn statt.
Eintrittskarten kosten je nach Kategorie zwischen 10,50 Euro und 62 Euro und sind online unter www.bremerphilharmoniker.de, www.glocke.de, www.nordwest-ticket.de und www.eventim.de sowie an deren Vorverkaufsstellen und an der Abendkasse erhältlich.
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