Michael Wolffsohn: Genie und Gewissen
Herber von Karajan zwischen Musik und Nationalismus
Über keinen Dirigenten sind so viele Bücher veröffentlicht worden wie über Herbert von Karajan. Man muss einen triftigen Grund haben, 37 Jahre nach dem Tode des Maestro ein weiteres herauszugeben. Der deutsch-jüdische Historiker Michael Wolffsohn sah ihn darin, die eingefahrenen „Mythen und Irrtümer“ über die Verstrickungen Karajans in die Ideologie des Nationalsozialismus zu hinterfragen und wo möglich zu korrigieren. Seine detailreiche, akribisch recherchierte und im Auftrag der Karajan-Stiftung erstellte Studie hat den Charakter einer Apologie. Sie verfolgt auf der Grundlage gesicherter Dokumente, ob er der „glühende Nazi“ war, als der er in einem Bericht des amerikanischen Geheimdienstes (4. Januar 1946) etikettiert wurde.
Vielfach wiederholte Irrtümer
Wolffsohn widerlegt die bis dato als gesichert geltende These, dass Karajan gleich dreimal in die NSDAP eingetreten sei. Er tat es wohl nur einmal, 1935, weil er sonst die Position als Generalmusikdirektor in Aachen nicht hätte annehmen können. Auch die Behauptung, er habe seine Karriere nur seiner Mitgliedschaft in der Partei zu verdanken gehabt, wird durch die konkrete Beschreibung seines Werdegangs, der ihn über Ulm und Aachen an die Berliner Staatsoper führte, entkräftet. Nur ein Spielball im Machtgerangel zwischen Göring und Goebbels, die ihn gegen Furtwängler ausspielten, fiel er schon 1942 bei den Nazis in Ungnade, wobei seine zweite Ehe mit der Fabrikantentochter Anita Gütermann, die nach den Rassegesetzen eine „Vierteljüdin“ war, eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben dürfte.
Jüdische Freunde und Wegbegleiter
Die Entnazifizierung nach dem Krieg nimmt im Buch den gebührenden Raum ein, ist aber auch anderswo schon erschöpfend dokumentiert. Interessanter ist der Abschnitt, in dem Wolffsohn zahlreiche jüdische Künstler und Manager mit Statements zitiert, die den Maestro vom Vorwurf des Antisemitismus freisprechen. Da sind vor allem die Berliner Philharmoniker Michel Schwalbé und Leon Spierer zu nennen, aber auch Musiker wie Evgenij Kissin, Gidon Kremer, Yehudi Menuhin, David Oistrach und Alexis Weissenberg. Mit seinem stärksten Konkurrenten Leonard Bernstein verband ihn, anders als häufig kolportiert, eine herzliche, freundschaftlich zu nennende Beziehung. Historisch aufschlussreich ist der Fall des seinerzeit in Ulm tätigen Otto Schulmann, den er angeblich von seinem Posten als GMD verdrängt haben soll. Nach dem Zeugnis von dessen Witwe kann davon keine Rede sein. Vielmehr habe sich Karajan später bemüht, ihn aus seinem Exil in Amerika zurück nach Europa zu locken und ihm dort eine angemessene Beschäftigung zu vermitteln.
Resentiments in den USA und Österreich
Ein spannendes Kapitel gilt der „FREMDnazifizierung“ beim ersten Auftreten Karajans und der Berliner Philharmoniker 1955 in den USA. Bisherige Historiker haben die Proteste jüdischer Organisationen, speziell der „American Federation of Musicians“, gegen dieses Gastspiel höher gehängt als es der Realität entsprach. Nach Wolffsohns Einschätzung ist diese Organisation (und sind auch andere Gruppierungen) nicht repräsentativ für das jüdische Bürgertum, das diese Konzerte begeistert akklamierte. Karajans spätere amerikanische Karriere, schließlich auch an der Metropolitan Opera, ist (da auch in anderen Publikationen ausführlich beschrieben) allgemein bekannt. In der österreichischen Heimat flackerte die alte Legende vom „glühenden Nazi“ kurz vor Karajans Tod noch einmal heftig auf, was wohl auch mit der Affaire Kurt Waldheim zu tun hatte, der 1986 für das Amt des Bundespräsidenten kandidierte und bei dieser Gelegenheit als alter Nazi enttarnt wurde.
Nach durchaus lesenswerten Kapiteln über Karajans Ehefrauen Elmy und Anita, aus deren brieflichen Äußerungen zitiert wird, und einem Gespräch mit seiner Tochter Isabel, die als Schauspielerin mit George Tabori zusammengearbeitet hat, kommt Wolffsohn zu dem eindeutigen Schluss, dass Karajan als Parteigenosse der Nationalsozialisten zwar als Opportunist einzustufen ist, aber keineswegs als „Gesinnungs-Nazi“ oder gar NS-Täter.
Seriöse, quellenkritische Arbeit
Die wissenschaftliche Methode der Aufarbeitung weckt das Vertrauen des Lesers. Wolffsohn arbeitet durchweg quellenkritisch und zieht eine klare Trennlinie zwischen gesicherten Fakten und eigenen Mutmaßungen, die stets als solche transparent sind. Er folgt dem Prinzip „audeatur et altera pars“ und ist bemüht, „sine ira et studio“ zu seinen eigenen Einschätzungen zu kommen. Sein Schreibstil ist flüssig und macht seine Ausführungen leicht nachvollziehbar. Die häufigen Wiederholungen können als Stilmittel aufgefasst werden. Der Musikkenner stößt auf kleinere sachliche Fehler, die in einer weiteren Auflage ausgemerzt werden können, wenn er etwa den Heldenbariton Rudolf Bockelmann als „Hitlers Lieblingstenor“ bezeichnet oder Giacomo Meyerbeer den Vornamen „Gustav“ verpasst.
Korrektur des vertrauten Bildes
Schon kurz nach ihrem Erscheinen hat Wolffsohns Studie in der Presse heftige Diskussionen ausgelöst. Als „ätzend und polemisch“ empfand Markus Thiel im „Münchner Merkur“ den Stil des Buches. Mögen diese Adjektive auf manche Auftritte des Autors in Fernseh-Diskussionen zutreffen, bei dieser Gelegenheit beeindruckt mich die ruhige Souveränität, mit der er argumentiert und die Ergebnisse seiner gründlichen Recherchen ausbreitet. Dass er sich dabei mit Publikationen anderer Autoren kritisch auseinandersetzt, liegt in der Natur der Sache. Ich werde den Eindruck nicht los, dass die Kritiker von Wolffsohns Arbeit sich das vertraute Bild vom „Nazi-Karajan“ nicht zerstören lassen wollen, getreu dem Bonmot des elisabethanischen Dramatikers Ben Jonson: „Nach der Wahrheit ist ein eingewurzelter Irrtum das Zweitbeste“.
Michael Wolffsohn: Genie und Gewissen
Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalismus
Verlag Herder, Freiburg im Breisgau, 2026
ISBN 9783451073175
Gebunden, 361 Seiten, 26 Euro
Ekkehard Pluta
