Der Schlag-Oberst
Der Schlagzeuger Peter Sadlo
Über den Köpfen seiner Mitmusiker thront er, weithin sichtbar für das Publikum: der Schlagzeuger des Orchesters. Diese herausragende Stellung spiegelt sich auch in der Musik wider. Wenn die Trompeten schmettern, wenn Aufruhr herrscht im Orchester – dann ist auch der Schlagzeuger gefordert. Er setzt die Akzente.
Mit seinem Instrumentarium durchdringt er das intensivste fortissimo, untermalt aber auch mit leisem Tremolo sensibelste Abschnitte einer Partitur. Seit fünfzehn, zwanzig Jahren hat sich in der westlichen Kunstmusik das Schlagzeug von der Rolle des reinen Rhythmusknechts im Orchester emanzipiert und wird zunehmend als Solo-Instrumentarium attraktiv – auch und gerade im Bewußtsein des Publikums.
Schlagzeug – damit verbindet man gemeinhin das Drum-Set aus Jazz und Rockmusik. Aber auch in der klassischen, sinfonischen Musik spricht man von Schlagzeug, wenn die Instrumente gemeint sind, die irgendwie geschlagen oder geschüttelt werden. Einer der profiliertesten, international renommiertesten Schlagzeuger sowohl im Orchester wie auch als Solist ist Peter Sadlo. Vor Jahresfrist hat der Mittdreißiger seine gesicherte Position als Solopauker bei den Münchner Philharmonikern aufgegeben und arbeitet nun intensiv an seiner Solokarriere. Der frühkindliche Radau an Mutters Kochtöpfen steht bei Peter Sadlo Pate für eine der geradlinigsten, aber auch ungewöhnlichsten, weil auf außergewöhnlichem Talent beruhenden Karrieren im Fach Schlagzeug.
Hau den Lukas!
„Eine Nachbarin hat alles ausgelöst“, erinnert er sich. „Sie hat mich beobachtet, wie ich als Fünfjähriger auf meine Spielzeugtrommeln einschlug.“ Die Besitzerin eines Tante-Emma-Ladens in Zirndorf (in der Nähe von Nürnberg), der Heimat Sadlos, glaubt, eine Begabung erkannt zu haben und meldet den kleinen Peter kurzerhand beim örtlichen Spielmannszug an – ohne Wissen von Sadlos Eltern. Bald sind die Provinz-Musiker vom außergewöhnlichen Talent des Kindes überzeugt, von seinem Rhythmusgefühl und seiner extrem raschen Auffassungsgabe. Kurze Zeit später erhält der junge Sadlo Privatunterricht. Im Alter von zwölf Jahren ist er Gaststudent am Meistersinger-Konservatorium in Nürnberg, zwei Jahre später musiziert er im Bayerischen Landesjugendorchester.
Dann folgte die erste wegweisende Begegnung im Leben des Trommel-Talents: Der Wechsel an die Musikhochschule Würzburg, wo Sadlo auf den damaligen Doyen der deutschen Schlagzeugkunst trifft, auf Siegfried Fink. Der fördert ihn nach Kräften, und so fällt das Meisterklassen-Diplom auch dementsprechend gut aus. 1982, Peter Sadlo ist gerade zwanzig Jahre alt, folgt seine Berufung zum Solopauker bei den Münchner Philharmonikern. Und hier begegnet Peter Sadlo zum zweiten Mal einem Meister, der seinen weiteren Weg entscheidend mitbestimmen wird: Sergiu Celibidache, der charismatische Chefdirigent der Philharmoniker, der im August 1996 verstorben ist. Doch zunächst sieht es nicht so aus, als ob Sadlo so richtig warm werden kann mit seinem neuen Chef: „Nachdem Celi mich etwa drei Jahre lang beschimpft hatte, wurden wir wirklich Freunde. Zur Hochzeit schenkte er mir dann einen wertvollen Bauernschrank.“ Musikalisch verstehen sich Sadlo und Celi hervorragend: „Celibidache war mein Star. Für mich war er der Grund, im Orchester zu spielen. Er hat mich sehr beeinflußt, meine Musikästhetik, meine klanglichen Vorstellungen. Die Fähigkeit zuzuhören, habe ich von ihm erst richtig erlernt. Musik ist mehr als einfaches Material. Es geht nicht nur darum, laut oder leise zu spielen. Und wenn Celi sich mit anderen Menschen beschäftigte, dann war er stets mit ganzer Seele dabei.“
Lehrer und Meister
Aber nicht nur Sergiu Celibidache ist einer der großen „Alten“, unter denen Peter Sadlo musiziert hat. Herbert von Karajan oder Leonard Bernstein sind Meilensteine in Sadlos Lebensweg gewesen: „Die alte Generation, das war eine andere Welt. Diese Dirigenten hatten noch Zeit, Musikstücke entstehen zu lassen. Heute ist alles viel sportiver. Solche Patrone wie Celi oder Bernstein gibt es nicht mehr. Die Dirigenten, die jetzt auf dem Markt sind, haben einen anderen Bezug zum Orchester. Sie sehen es nur als Klangkörper, der zu funktionieren hat.“
Ist das der Grund, warum sich Peter Sadlo nach der Saison 1996/97 von den Münchner Philharmonikern getrennt hat? „Daß die Ära Celibidache vorbei ist, war natürlich für die Wahl des Zeitpunktes der Trennung von den Philharmonikern von großer Bedeutung. Ich kann mir nicht vorstellen, daß unter dem neuen, designierten Chefdirigenten James Levine der Dienstbetrieb so locker sein wird wie unter Celi. Ich befürchte sogar, daß die Atmosphäre kühler werden wird. James Levine halte ich nicht für die optimale Lösung. Denn wichtig wäre vor allem, daß der neue Chef ausschließlich für die Philharmoniker da sein sollte.“
Aber der Tod Celibidaches und damit das Ende einer Ära bei den Münchner Philharmonikern ist für Peter Sadlo nicht der einzige ausschlaggebende Grund gewesen, den Posten des Solopaukers beim Münchner Renommierorchester aufzugeben. „Ich glaube, es war für mich an der Zeit, die eigenen Interessen stärker zu verfolgen. Ich will in Zukunft die solistische Arbeit wesentlich mehr ausbauen, will neue Werke kennenlernen, will auch selbst komponieren und arrangieren. Die Termine außerhalb des Orchesters wurden immer häufiger, sie waren allein von der Anzahl her nicht mehr mit dem Programm der Philharmoniker zu vereinbaren.“
Solist und Professor
Neben der reinen Interpreten-Karriere will Peter Sadlo sein Können und seine Erfahrung an die junge Generation weitergeben. Seit 1983 unterrichtet er an der Münchner Musikhochschule, als 28jähriger wird er zum Professor am Salzburger Mozarteum berufen. Und im Herbst vergangenen Jahres promovierte er zum Doktor der Musikwissenschaft. Peter Sadlo scheint alles erreicht zu haben, was sich ein Musiker nur wünschen kann. Oder gibt es doch noch etwas, das er in seiner Laufbahn noch nicht geschafft hat, etwas, das einen weiteren „Kick“ in seiner Karriere bedeuten könnte? Persönliche Anerkennung wird es nicht sein. Aber Peter Sadlo kämpft für die breite Akzeptanz seines Instrumentariums. Er lebt und arbeitet unter anderem auch für die Vision, daß in Zukunft die Werke für Schlagzeug von Henze, Xenakis, Varèse und vielen anderen genauso ihren Platz im Konzertbetrieb haben werden wie derzeit die Kompositionen von Bach, Mozart oder Beethoven. „Ich bin immer bemüht, etwas voranzutreiben“, sagt Sadlo, „die rhythmischen Aspekte der Musik werden doch bei uns immer noch stiefmütterlich behandelt. Die Sensibilität des Hörens war in Bezug auf das Schlagzeug leider verkrüppelt und ist es zum Teil heute noch“.
Dabei sind gerade Solisten wie er ständig auf der Suche nach neuen Anschlagsarten, testen das Klangverhalten nicht nur von unterschiedlichen Schlägeln, sondern auch von Fingern und Knöcheln. „Die orientalischen Völker, vor allem die Inder und Araber, sind uns auf diesem Instrumentarium weit voraus.“ Seit Mitte des 19. Jahrhunderts verwenden auch westliche Komponisten das Schlagzeug zunehmend in ihren Partituren: Giacomo Puccini und Gustav Mahler erweitern damit die Klangfarben des Orchesters, Richard Strauss, Claude Debussy und vor allem Igor Strawinsky geben dem Schlagzeug eigenständige Bedeutung. Aber erst in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich die komponierte Musik aus der rhythmusfeindlichen Enge befreit, wie sie noch Theodor W. Adorno leidenschaftlich gepredigt hatte. Edgard Varèse, Béla Bartók, Pierre Boulez, Hans Werner Henze, Karlheinz Stockhausen, um nur einige zu nennen, haben dem Schlagzeug in ihren Kompositionen den Weg geebnet, haben es hoffähig gemacht im traditionsbewußten Konzertbetrieb. Und allmählich haben auch die Plattenfirmen begriffen, daß es sich meist mehr lohnt, ein vermeintlich unpopuläres Schlagzeug-Stück etwa von Darius Milhaud auf CD zu pressen als die neunundneunzigste Aufnahme des Schubertschen Forellenquintetts auf den Markt zu bringen.
Eine Wissenschaft für sich
Was geht eigentlich in einem Schlagzeuger vor, wenn er etwa im Finale von Gustav Mahlers siebter Sinfonie auf seinen Einsatz wartet oder wenn er als Solist Iannis Xenakis’ Rebonds zu bewältigen hat? Gibt es für einen Profi wie Peter Sadlo noch Lampenfieber oder richtige Angst? „So richtige Angst-Stellen gibt es für mich nicht“, sagt Peter Sadlo. „Wenn ich auf die Bühne gehe, muß ich über der Sache stehen. Ich muß entspannt sein, um wirklich gute Musik machen zu können.“ Der Weg zu dieser „wirklich guten Musik“ ist beschwerlich. Eine der wichtigsten Voraussetzungen ist die genaue Kenntnis des Instrumentariums und seiner Eigenschaften. Phrasierung, Artikulation, Klangfarben sind für den Schlagzeuger von essentieller Bedeutung. Und Kraft und Ausdauer braucht der Trommler. Darin ist Peter Sadlo derselbe Perfektionist wie beim rein musikalischen Aspekt: Er bereitet sich auf die extremen körperlichen Anstrengungen seines Instruments mit gezieltem Krafttraining vor. Eine Wissenschaft für sich ist auch die Übersicht über die rund hundert gebräuchlichen Einzelinstrumente des gesamten Schlagzeug-Apparates. Kurios dabei: Die Pauken, die wichtigsten Instrumente der Orchesterliteratur, gehören im engeren Sinne nicht zum Schlagzeug, sondern sie werden zur Gruppe der Fundamentalbaßinstrumente gerechnet. Trotzdem fängt fast jeder Schlagzeuger – wie auch Peter Sadlo – zunächst als Pauker in einem Orchester an.
Die Pauke
Die Pauke kommt aus dem orientalisch-asiatischen Kulturkreis. Die modernen Instrumente, die Pedalpauken, sind komplizierte Gebilde, die sich schnell umstimmen lassen und somit auch für schwierigste Partien einsetzbar sind. Trotz aller Technik hängt der Wohlklang einer Pauke von der Bespannung und der Verarbeitung des Kessels ab. „Im Sinfonieorchester verwenden 98 Prozent der Musiker Felle aus Kalbsleder“, erzählt Peter Sadlo. Kunststoff-Felle findet man dagegen bei fast allen Pauken von Opern-Orchestern. „Wenn der Vorhang aufgeht zur Vorstellung, kann bereits ein Lufthauch die Pauke verstimmen. Felle aus Kunststoff sind nicht so anfällig wie Felle aus Tierleder.“ Der sogenannte Kessel der Pauke besteht aus Kupfer, seltener aus Glasfiber. Der Klang eines Instruments hängt davon ab, wie dicht das Metall getrieben wird: „Härtere Verdichtung ergibt einen schrilleren Klang“, erklärt Peter Sadlo. Den Klang einer Pauke beeinflussen natürlich auch die unterschiedlichen Anschlagstechniken und die verwendeten Schlägel. Ob Holz oder Filz, ob gedrechselt oder glatt – Klang und Intensität des Tones werden dadurch entscheidend beeinflußt. Das gilt genauso für den Anschlag: Trifft der Schlägel – manchmal auch die bloße Hand – in der Mitte des Paukenfells auf, so entfaltet sich ein runder, tiefer, voluminöser Ton. Je weiter am Rand angeschlagen wird, desto härter und schriller, aber auch flacher wird der Ton.
Die Kleine Trommel
Das technisch filigranste Instrument innerhalb des klassischen Schlagzeugs ist für Peter Sadlo die Kleine Trommel. „Das anspruchsvollste und zugleich populärste Stück, in dem die Kleine Trommel eine tragende Rolle spielt, ist sicherlich der ,Bolero‘ von Maurice Ravel.“ Im Gegensatz zur Pauke wird die Kleine Trommel nur selten umgestimmt – während des Spielens ist eine Veränderung der Tonhöhe nicht möglich. Das Fell der Kleinen Trommel besteht meist aus Kunststoff, der Korpus wird aus Materialien wie Messing, Kupfer oder Holz gefertigt, sogar vergoldete Instrumente gibt es. Typisch für die Kleine Trommel sind die Schnarrsaiten des Resonanzbodens, die den unverwechselbaren, durchdringenden Klang ergeben.
Dr. Peter Baier

